- 4. Juni 2026
,,Wie heißt denn dein Löwe, Lucy?"- Was eine Kinderfrage in mir auslöste
„Wie heißt dein Löwe, Lucy?“
Diese Frage hat mir eine Neunjährige aus meiner Klasse gestellt. Ganz nebenbei, einfach so.
Ich arbeite als Schulbegleiterin an einer Schule für Kinder mit geistiger Behinderung.
Und ehrlich gesagt: Nachdem sie mir diese Frage gestellt hat, hat sich in meinem Kopf erstmal alles wild gedreht.
Ich stand da und dachte mir: Was ist das denn bitte für eine komische Frage? So richtig kindisch irgendwie. Und trotzdem – oder vielleicht genau deshalb – habe ich mir darüber noch nie Gedanken gemacht.
Was mache ich eigentlich mit so einem Löwen?
Also nicht mit einem echten, sondern mit dem Kuscheltier, das ich bekommen habe.
Wo stelle ich das überhaupt hin? Nehme ich das irgendwann mit nach Amerika, wenn ich meinen internationalen Freiwilligendienst beginne?
Und irgendwie ist es ja auch total niedlich, dass ich überhaupt so etwas geschenkt bekommen habe. Eine Kollegin hat mir dieses Kuscheltier als Glücksbringer für meinen weiteren Lebensabschnitt geschenkt – als Erinnerung an das halbe Jahr als Schulbegleiterin.
Von einer einfachen Frage völlig aus dem Konzept gebracht
Aber gleichzeitig denke ich: Meine Zeit ist ja eigentlich noch gar nicht vorbei. Und trotzdem sitze ich da und bin völlig überfordert mit dieser einen simplen Sache: Welchen Namen gebe ich diesem Löwen?
,,Nenn ihn doch Leo Löwe“, meint das Mädchen.
Aber eins ist klar: Leo geht nicht. Jeder Löwe heißt Leo. Das ist mir viel zu langweilig. Ich will irgendwas Besonderes.
Warum ein Name plötzlich so viel Bedeutung bekam
Zack, dann denke ich wieder: Ich kann ihn doch nicht den Namen meines Einzelfalls geben. Das ist irgendwie zu offensichtlich. Zu durchschaubar.
Und doch hätte ich ihm diese Ehre gerne erwiesen. Dieses Kind, das ich ein halbes Jahr lang begleitet habe, Tag für Tag. Das mich geprägt hat. Mir mehr beigebracht hat, als ihm vermutlich selbst bewusst ist.
Am Ende sitze ich da und drehe mich in Kreis. Dieses ganze Namens-Thema hat mir bereits ein paar graue Haare früher beschert.
Plötzlich wurde sogar die Namensgebung zu einem Akt, der irgendwie bloß nicht falsch laufen durfte. Es musste der richtige Name sein.
Ich saß da und es ratterte in meinem Kopf: Welcher Name passt denn nun? Welcher Name wird dem gerecht, wofür dieser Löwe steht?
Also kam mir eine andere Idee: ihn „Lili“ zu nennen. Voll die süße Abkürzung des Namens meines Einzelfalls.
Später habe ich dann sogar mit meinem Vater darüber philosophiert, warum mir nicht sofort ein Name für diesen Löwen eingefallen ist, sondern ich erst über tausend andere Dinge nachgedacht habe.
Jeder Name muss eine Bedeutung haben. Jede Entscheidung gut durchdacht sein.
Was Kinder uns über Leichtigkeit beibringen können
Dabei wurde mir bewusst, wie selten ich mir erlaube, kleine Dinge einfach so stehen zu lassen.
Vielleicht liegt genau darin das, was wir von Kindern lernen können: Nicht alles braucht einen tieferen Sinn.
Manchmal ist ein Geschenk einfach ein Geschenk. Und eine Geste einfach eine Geste.
Und manchmal darf ein Löwe auch einfach einen Namen haben.
Die Frage „Wie heißt denn dein Löwe, Lucy?“ war am Ende viel mehr als nur eine Frage nach einem Namen.
Kinder stellen Fragen aus Neugier. Sie suchen nicht zwangsläufig nach einer tieferen Bedeutung.
Sie hat mir gezeigt, wie kompliziert ich manchmal Dinge sehe.
Und wie befreiend es sein kann, die Welt hin und wieder mit den Augen eines Kindes zu betrachten.