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,,Darüber hab ich noch nie nachgedacht” – Ein Gespräch mit dem DeafFinance

Vor meinem Interview mit Oliver Rückert dachte ich, dass wir hauptsächlich über Finanzen sprechen werden.

Über Geldanlagen, Vermögensaufbau und vielleicht darüber, wie sich seine Arbeit von der anderer Vermögensberater unterscheidet.

Was ich nicht erwartet hatte war, dass ich mir an mehreren Stellen des Gesprächs an den Kopf greifen musste. Ich glaube, so häufig wie in diesen 45 Minuten Interview habe ich noch nie: ,,Stimmt, darüber hab ich mir noch nie Gedanken gemacht” gesagt.

Oliver ist Vermögensberater, Unternehmer und Gebärdensprachnutzer. Seine Eltern sind gehörlos, Gebärdensprache ist seine Muttersprache. 

Seit fast 30 Jahren berät er Kundinnen und Kunden zu finanziellen Themen und hat sich dabei eine besondere Nische aufgebaut:

Er verbindet Finanzberatung mit Gebärdensprache.

Schon nach wenigen Minuten wurde mir klar, dass dieses Interview nicht nur vom Thema Geld handeln wird.

Es ging um Verständigung, Vertrauen und die Frage, wie selbstverständlich Teilhabe für manche Menschen ist – und wie schwierig sie für andere sein kann.

„Gebärdensprache ist meine Muttersprache“

Eine der ersten Fragen, die ich Oliver stellte, war, wann er Gebärdensprache gelernt hat.

Seine Antwort kam sofort:  „Das ist meine Muttersprache.“

Eigentlich logisch, dachte ich im selben Moment.

Wenn beide Eltern gehörlos sind, wächst man mit Gebärdensprache auf, so wie andere Kinder mit Deutsch, Englisch oder Italienisch aufwachsen. Trotzdem ertappte ich mich dabei, dass ich genau diese Frage gestellt hatte – vermutlich, weil viele hörende Menschen Gebärdensprache eher als etwas sehen, das man irgendwann lernt, und nicht als Erstsprache.

Während des Gesprächs erzählte Oliver, dass er schon als Kind häufig für seine Eltern dolmetschen musste. Beim Arzt, bei Behördengängen oder wenn der Finanzvertreter ins Haus kam.

Je länger ich zuhörte, desto mehr verstand ich, wie früh er gelernt hatte, zwischen unterschiedlichen Kommunikationswelten zu vermitteln.

Zwei Interessen, die später zusammenfanden

Spannend fand ich, dass Oliver schon als Schüler von Aktien und der Börse fasziniert war.

Während ich eher das Spazierengehen und Wandern für mich entdeckt habe, hat er Musterdepots geführt und Kursentwicklungen beobachtet. Ein bisschen verrückt, dachte ich mir im ersten moment.

Damals konnte er natürlich noch nicht wissen, dass genau dieses Interesse irgendwann einmal mit seiner Muttersprache zusammenkommen würde. und ehrlich gesagt:  Wie cool ist  das eigentlich?

Als er dann mit 19 zum ersten Mal mit dem Beruf des Vermögensberaters in Kontakt kam, war er erstmal skeptisch. Verkaufen wollte er eigentlich nie. Das klang für ihn eher nach etwas Unmoralischem.

Aber je mehr er dann hinter die Kulissen geschaut hat, desto klarer wurde ihm, dass gute Beratung etwas ganz anderes ist. 

Heute verbindet er genau diese beiden Dinge, die ihn schon sehr früh geprägt haben:  Finanzen und Gebärdensprache.

Ein blinder Fleck, den ich nie gesehen habe

Es gab eine Stelle im Interview, die mich ehrlich überrascht hat.

Wir sprachen über Herausforderungen im Alltag gehörloser Menschen.

Oliver erwähnte dabei ein Beispiel, das mir erst total simpel vorkam: Online Banking.

Wenn etwas nicht funktioniert, lautet die Standardlösung meistens: „Rufen Sie einfach unsere Hotline an.“

Ich weiß noch, wie ich während des Gesprächs dachte:

Moment. Wie macht das eigentlich jemand, der nicht telefonieren kann?

Mir war bewusst, dass gehörlose Menschen im Alltag auf Barrieren stoßen. Aber dass selbst so alltägliche Dinge, wie ein Anruf bei deiner Bank, zum Problem werden können, hatte ich bisher nie wirklich durchdacht.

(Genau deshalb liebe ich Interviews. Sie machen blinde Flecken sichtbar, die man selbst oft gar nicht auf dem schirm hat.)

Aber wenn eine Vokabel fehlt, beschreibt man das eben etwas noch einmal mit anderen Worten.

Simpel, Verständlich, Gut

Besonders interessant fand ich auch unsere Unterhaltung über Finanzbegriffe.

Ich habe erwartet, dass es für komplizierte Begriffe spezielle Gebärden gibt. Deshalb fragte ich Oliver sogar nach besonderes schwierigen Fachwörtern.

Seine Antwort hat mich überrascht:

,,Wenn ein Begriff niemandem etwas sagt, bringt es nichts, ihn nur anders auszudrücken.

Dann muss man ihn erklären.

Mit Bildern.

Mit Beispielen.

Mit Vergleichen.“

Während er das erzählte, wurde mir klar, dass diese Herangehensweise eigentlich nicht nur für gehörlose Menschen hilfreich ist.

Ganz ehrlich: Auch ich verstehe komplizierte Themen besser, wenn mir jemand ein Bild zeigt, satt Fachbegriffe aneinanderzubasteln.

Vertrauen ist die Grundlage

Was sich durch das gesamte Gespräch zog, war das Thema Vertrauen.

Nach fast 30 Jahren Berufserfahrung betreut Oliver heute rund 1.200 Kundinnen und Kunden.

Besonders beeindruckt hat mich dabei, wie ruhig und bodenständig er über seinen Erfolg spricht.

Keine großen Selbstinszenierungen und keine Überheblichkeit. Stattdessen sprach er immer wieder über Zuverlässigkeit, langfristige Beziehungen und darüber, Menschen ehrlich zu beraten.

Ich hatte das Gefühl, dass genau darin sein Erfolgsgeheimnis liegt.

„Dabei bleiben“

Gegen Ende unseres Interviews fragte ich Oliver, welchen Rat er jungen gehörlosen Menschen geben würde, die selbst im Finanzbereich arbeiten möchten.

Seine Antwort:    „Dabei bleiben.“

Je länger ich darüber nachdenke, desto schöner finde ich diesen Satz.

Denn eigentlich beschreibt er nicht nur eine Karriere.  Er beschreibt auch seinen eigenen Weg.

Fast 30 Jahre Berufserfahrung, die Veränderung der Medien und technischer Geräte, sowie

neuen Herausforderungen. Eine Branche, die sich ständig verändert.

Und trotzdem ist er geblieben.

Mein Fazit

Mein Fazit aus dem Gespräch mit Oliver Rückert hat überraschenderweise weniger mit Finanzen zu tun, als ich vorher gedacht hätte. 

Ich habe eher an Dinge gedacht, die ich selbst oft übersehe. An Kommunikation.

Daran, wie schwer die sein kann. Und daran, warum wir Gebärdensprache nicht in der Schule lernen.

Es war für mich vor allem ein Perspektivenwechsel. Ein Blick darauf, wie unterschiedlich Menschen aufwachsen- und wie leicht ich selbst Barrieren übersehe, wenn ich nicht direkt davon betroffen bin.

Oliver hat mir gezeigt, dass Inklusion nicht immer mit großen Projekten beginnt. Sondern manchmal schon bei einer einfachen Frage: Wie schaffe ich es, dass mich mein Gegenüber versteht – und ich ihn?

Vielleicht sind das genau die Fragen, die wir uns alle hin und wieder stellen sollten.